Immer wie­der sonn­tags

von Raphael Schlecht

Immer wie­der sonn­tags

von Raphael Schlecht

Seit eini­ger Zeit besu­che ich wie­der den Sonn­tags­got­tes­dienst. Vor­her war ich dort eher sel­ten – zumin­dest dafür, dass ich Theo­lo­gie stu­diert habe. Oder viel­leicht genau des­we­gen?

Als Kind waren wir mit der gan­zen Fami­lie jeden Sonn­tag in der Kir­che. In der dritt­vor­ders­ten Rei­he auf der lin­ken Sei­te war unser Stamm­platz: 4 Kin­der, zwei Erwach­se­ne und unse­re Oma, ver­teilt auf zwei Kir­chen­bän­ke. Wir Kin­der wur­den dann Mess­die­ner und mei­ne Eltern Küs­ter. So kam es schon mal vor, dass die gan­ze Fami­lie wäh­rend der Mes­se im Altar­raum stand. Über­re­det wer­den muss­te ich zum Got­tes­dienst nie; ich ging als Kind ger­ne in die Kir­che. Die fei­er­li­che Stim­mung gefiel mir: ich zog mich dann schick an und sang in der Mes­se min­des­tes genau­so laut wie mein Vater, noch heu­te habe ich sei­ne Tenor­stim­me im Ohr.

Im Lau­fe des Stu­di­ums ging mir die­se Unbe­küm­mert­heit ver­lo­ren. Dafür bedurf­te es kei­ner kri­tisch-pro­gres­si­ven Theo­lo­gen – es reich­ten bereits die Vor­le­sun­gen über das Kir­chen­recht. Es fiel mir in der Fol­ge zuneh­mend schwe­rer aus­zu­blen­den, dass gera­de in den Got­tes­diens­ten auch die kirch­li­che Hier­ar­chie dar­ge­stellt und gefei­ert wird – dass hin­ter dem Altar eben ein (unver­hei­ra­te­ter) Mann und kei­ne Frau steht. Ich saß dann in der Mess­fei­er und hielt es kaum aus, so frus­triert war ich. Bis heu­te brin­ge ich das in mei­nem Kopf nicht zusam­men: den mora­li­schen Anspruch einer Insti­tu­ti­on, die sich als hei­lig bezeich­net und ihr kras­ses Schei­tern in Fra­gen von Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit. Und das betrifft nicht nur mein Gerech­tig­keits­emp­fin­den, son­dern natür­lich auch mei­ne Spi­ri­tua­li­tät: ich glau­be an einen gerech­ten Gott, der die Mäch­ti­gen vom Thron stößt und die Nied­ri­gen erhöht (vgl. Lk 1,52). Dass der Got­tes­dienst als der zen­tra­le Ritus mei­ner Kir­che das nicht zum Aus­druck bringt, schmerzt mich; soll­te es bei uns nicht anders sein? (vgl. Mk 10,431)

Seit dem letz­ten Advent besu­che ich wie­der regel­mä­ßig die Mes­se. Es ist die Gemein­de, in der mei­ne Frau arbei­tet. Aus­schlag­ge­bend war dabei für mich die Geburt unse­res Soh­nes. Mir liegt etwas dar­an, dass Theo mei­ne Reli­gi­on zumin­dest ken­nen lernt. Unser Stamm­platz ist vor­ne links, neben einer älte­ren Dame, die sich immer freut uns zu sehen. Ich sin­ge wie­der genau­so laut wie frü­her, wäh­rend mein Sohn vor sich hin brab­belt. Beson­ders gefällt mir, dass beim Kom­mu­nion­emp­fang die gan­ze Gemein­de im Kreis vor dem Altar ver­sam­melt ist. Alle kom­mu­ni­zie­ren gemein­sam. Wir sind dann eine rich­ti­ge Mahl­ge­mein­schaft, in der ich mich gut auf­ge­ho­ben füh­le. Im wei­ten Raum der Kir­che kann ich durch­at­men und kom­me zur Ruhe.

Mei­ne Mei­nung zur hier­kirch­li­chen Hier­ar­chie hat sich in der Zwi­schen­zeit jedoch nicht ver­än­dert. Auch die­sen Got­tes­diens­ten steht ein Pries­ter vor. Einer, den ich sym­pa­thisch fin­de, aber eben immer noch kei­ne Pries­te­rin. Ich seh­ne mich wei­ter­hin nach tief­grei­fen­den Refor­men: nach einer demo­kra­tisch ver­fass­ten Kir­che, in der nicht eini­ge Weni­ge, son­dern Vie­le über genau die­se strit­ti­gen The­men ent­schei­den. Um so einen Wan­del über­haupt erst zu ermög­li­chen. Und trotz­dem habe ich im Moment einen Ort gefun­den, an dem es mir gelingt, die kirch­li­chen Wider­sprü­che gut aus­zu­hal­ten. Sonn­tags gehe ich jetzt wie­der ger­ne in die Kir­che. Gin­ge ich nicht, wür­de mir etwas feh­len. Jedem kri­ti­schen Gläu­bi­gen wün­sche ich einen sol­chen Ort, an dem er*sie den eige­nen Glau­ben gemein­schaft­lich leben kann, ohne dabei das Gefühl zu haben, sich und die eige­nen Über­zeu­gun­gen dafür ver­ra­ten zu müs­sen.

Foto: Nik­ko Tan/
  • Vgl. Mk 10,43 “Bei euch aber soll es nicht so sein, son­dern wer bei euch groß sein will, der soll euer Die­ner sein,” — Ein­heits­über­set­zung der Hei­li­gen Schrift, Stutt­gart 2016. ↩︎