Beicht­zim­mer: Fri­seur­sa­lon

von Matthias Fritz

Beicht­zim­mer: Fri­seur­sa­lon

von Matthias Fritz

Wenn ande­re es has­sen zum Zahn­arzt zu gehen – ich gehe total ungern zum Fri­seur. Viel­leicht steckt es in mei­ner Kind­heit, dass ich immer nur Fri­seu­re erlebt haben, die mich zwang­haft aus­quet­schen woll­ten über Gott und die Welt. Who knows. Ich mag es ein­fach nicht.

Eben saß ich noch da. Es war wie­der Zeit. Die Haa­re wuch­sen schon über die Ohren und ich hat­te mit­tags Zeit. Also, ab in die Höh­le des Löwen!

Mei­ne Stra­te­gie ist es dabei, mög­lichst schnell die Augen zuzu­ma­chen und vor­her noch flott die Abspra­chen zu tref­fen wie der Haar­schnitt erfol­gen soll. Flos­keln­haft oder fast ritu­ell bete ich dann run­ter: „Die Sei­ten machen wir immer mit der Maschi­ne auf 15mm und oben dann alles so bei­schnei­den, damit die Haa­re vor­ne mit Gel wie­der ste­hen kön­nen.“ In der Regel geht es nach die­sen Anwei­sun­gen auch gut. Nur sel­ten muss Danie­la, Nico­le, Marie oder wie sie heißt, nach­ha­ken. Eine fes­te Per­son, die mir die Haa­re schnei­det, ist auch nicht mein Ding.

Heu­te lief das auch wie­der gut, aber neben mir ging was ab, das war das tota­le Gegen­bild zu mir. Der Mann hör­te nicht auf zu quat­schen: Über die Kol­le­gen auf der Arbeit. Er frag­te die Fri­seu­rin aus, ob sie schon Kin­der­wün­sche habe. Er ließ sich über das Läs­tern am Arbeits­platz aus – was ihm anschei­nend nicht gut tut. Detail­liert erzähl­te er von sei­nem letz­ten Kar­ne­vals­voll­rausch, ohne dabei was Böses ange­stellt zu haben… Unglaub­lich, was alles an Lebens­ge­schich­te in einen Haar­schnitt rein­passt.

Aber irgend­wie kam es mir — mit Augen zu und Mund geschlos­sen — wie „Schnei­den, Föh­nen, Legen, Beich­ten“ vor. Locker flo­ckig, wie ich es bis­her in kei­ner Beich­te erlebt habe, erzähl­te er da frei aus dem Leben. Von allem was seit dem letz­ten Haar­schnitt pas­siert war. Ob er danach wohl wie­der frei und befreit ins Leben geht?

Da saßen echt zwei Extre­me neben­ein­an­der, qua­si der Buß­fer­ti­ge und das schweig­sa­me Ich. Wäh­rend ich übers Leben nach­den­ke, schüt­tet der Nächs­te sein Herz aus. „Beicht­zim­mer: Fri­seur­sa­lon“ eben.

Foto: abbil­der: Ber­gen (CC BY 2.0)